EUROPA WIRD DIE ZUKUNFT DES ISLAM ENTSCHEIDEND BEEINFLUSSEN

Fanatische Muslime terrorisieren die Demokratie. Rechtspopulisten bekämpfen sie mit Worten. Wohin führt diese Konfrontation?

Weltweit bekennen sich heute 1,6 Milliarden Menschen zum Islam. Das heißt, jeder Vierte ist Muslim. Damit ist der Islam nach dem Christentum die zweitgrößte Weltreligion.

In der westlichen Welt ist im vergangenen Jahrzehnt die Furcht vor dem Islam gewachsen. Das lag weniger an seiner ungebremsten Ausbreitung, sondern vielmehr daran, dass Terroristen in seinem Namen einen blutigen Kampf führten. Die Bilder der Opfer von den Anschlägen in New York, auf Djerba, auf Bali, in Madrid und London, um nur die schwersten zu nennen, haben sich tief in das Gedächtnis der Menschen gebrannt. Seither wird der Islam nicht nur als Religion wahrgenommen, sondern immer auch verdächtigt, die treibende Kraft des gewaltsamen Kampfes gegen die freiheitlich-pluralistische westliche Gesellschaft zu sein.

Er wird aber auch für Misserfolge bei der Integration verantwortlich gemacht. Der scheidende Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin formuliert diese Kritik bisher am deutlichsten und erhält dafür Zuspruch nicht nur aus jenen Gruppen, die in deutschen Städten gegen eine weitere Ausbreitung des Islams demonstrieren und den Neubau von Moscheen verhindern wollen. Bürger aus allen Bereichen der Gesellschaft teilen seine Ansicht.

Im europäischen Ausland greifen rechte Populisten wie der niederländische Politiker Geert Wilders, der italienische Lega-Nord-Chef Umberto Bossi oder in Frankreich Jean-Marie Le Pen diese Stimmung auf und erzielen damit Wahlerfolge. In den USA bildet sich ein breites Bündnis gegen den Neubau eines muslimischen Glaubenzentrums am Ground Zero.

Diese breite Abwehrhaltung in den westlichen Gesellschaften wiederum befeuert in den islamischen Ländern die Aggression gegen den Westen. Die Muslime sehen sich dabei in einer Doppelrolle. Zum einen beschreiben sie sich als Opfer einer imperialistischen Politik und eines neuen Kreuzzuges gegen ihre Religion, zum anderen gerieren sie sich als moralische Sieger, die in einer weithin gottlosen Welt dessen Erbe bewahren, das ihnen vom Propheten Mohammed anvertraut wurde. Aus diesem Verständnis leiten einige nun die Pflicht zum kleinen Dschihad, dem Kampf gegen den Ungläubigen her.

Wohin führt diese Konfrontation? Gibt es einen Ausweg, der den Islam mit den westlichen Demokratien versöhnt?

Zunächst einmal ist es schwer, mit DEM Islam ins Gespräch zu kommen. Denn im Grunde genommen gibt es nicht DEN Islam, sondern nur viele Muslime und eine Vielzahl von Glaubensrichtungen. Anhänger der bekanntesten Richtungen sind die Sunniten und Schiiten. Muslime kennen keine Autorität wie etwa der Papst, der für alle Gläubigen sprechen könnte. Auch die hochgeachtete Al-Azhar-Universität in Kairo kann diesen Anspruch nicht erheben. „Die letzte Autorität des Islams ist der Koran“, sagt deren Rektor Ahmad Mohammad al-Tayyeb. Und der ist interpretationsfähig.

Ganz Zentralasien ist unfrei

Bislang gibt es nur wenige Beispiele, die andeuten, dass islamische Gesellschaften zur Demokratie fähig sind. Der aktuelle Survey 2010 der Washingtoner Forschungseinrichtung „Freedom House“ etwa bewertet den Nahen Osten als die repressivste Region der Welt. Jordanien, Bahrain und der Jemen wurden von der Kategorie „Partly Free“ wieder in „Not Free“ zurückgestuft. Saudi-Arabien sei eindeutig keine Demokratie. In Marokko werde ein deutlicher Verlust demokratischer Rechte befürchtet, da König Mohammed VI. immer mehr Macht an sich reiße.

Zwar bescheinigt Freedom House etwa dem Libanon positive demokratische Ansätze, doch sind alle anderen Staaten von unseren Demokratievorstellungen nach wie vor weit entfernt. Ägypten steht weiterhin auf der roten Liste der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, dasselbe gilt für Syrien, Saudi-Arabien, Kuwait und den Iran. Sämtliche Staaten Zentralasiens sind laut Freedom House allesamt unfrei. Lediglich Indien, Indonesien und die Türkei werden als freie Staaten mit demokratischen Strukturen ausgewiesen.

Dazu haben auch die unter der Regierung des gläubigen Muslims Racip Tayyip Erdogan zwingend notwendige Reformen vor allem im Bereich der türkischen Justiz beigetragen. Aber ohne den einst von Kemal Atatürk autoritär verordneten Laizismus wäre all das indes ganz sicher nicht möglich geworden.

Nur durch die „Zwangsdemokratisierung“  der Türkei, die später auch mit einem wirtschaftlichen Aufstieg einherging, ist zu erklären, dass die türkischen Muslime heute einen ganz anderen Blick auf die westlichen Demokratien haben als Muslime in den islamischen Ländern, die unter mehr oder minder autoritären Herrschaftsstrukturen und zumeist schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen leben. In Ägypten etwa hat sich die Einwohnerzahl seit den sechziger Jahren von ehemals 40 auf heute 83 Millionen Menschen verdoppelt. Iran schaffte eine Verdoppelung in noch kürzerem Zeitraum. Dort wuchs die Bevölkerung von 33 Millionen Einwohnern im Jahr 1975 auf heute 66 Millionen an. Allein von 1998 bis heute nahm die Einwohnerzahl Pakistans um über 40 Millionen auf inzwischen 174 Millionen Menschen zu. Die ökonomische Entwicklung der Länder konnte mit dem Bevölkerungswachstum nicht annähernd mithalten. Weil sie außerstande sind, die Lage zu verbessern, schieben die politischen und religiösen Machthaber die Schuld auf den Westen und instrumentalisieren dabei die Religion für ihre Zwecke.

Nichts fürchten diese Machthaber so sehr wie die Vorbilder erfolgreicher demokratischer islamischer Länder. Sie soll es möglichst nicht geben. Da geht es ihnen nicht anders als all jene Gruppen, die derzeit in Deutschland missionieren mit dem Ziel, das Land zu islamisieren. In Westeuropa ist Deutschland nach Frankreich das Land mit den meisten Muslimen. Von den über 80 Millionen Einwohner sind 3,5 Millionen Muslime, etwa genauso viele wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten oder im Libanon leben.

Die missionierenden Gruppen tragen Namen wie „Einladung ins Paradies“ und „Die wahre Religion“. Zu Letzterer gehört der Laienprediger Abu Dujana, der auf die Frage eines ZDF-Reportes, ob für ihn die Gesetze des Rechtsstaates über denen der Scharia stünden, sagte: „Als Muslim gehorche ich nur Gott.“ In dem Gespräch beklagt der Scharia-Anhänger Dujana den Verfall der Sitten in den islamischen Staaten, die ihm nicht mehr islamisch genug seien.

„Dschihad für Wissenschaft“

Ganz ähnlich denken radikale Vertreter größerer Organisationen wie der „Vereinigung islamischer Kulturzentren e.V.“ oder auch „Milli Görüs“. Für ihre Arbeit nutzen sie geschickt die Fehlentwicklungen bei der Integration aus und unterstützen die Verfestigung von Parallelgesellschaften, in denen sich der Kontakt der islamischen Bevölkerung zur freiheitlich-demokratischen Gesellschaft auf ein Minimum beschränkt.

Ihre Taktik geht aber längst nicht mehr überall auf. Denn mit der Integrationskonferenz und dem Islamgipfel hat die Bundesregierung Institutionen geschaffen, über die sie Vertreter der Muslime direkt in die politische Gestaltung der Gesellschaft einbindet. Dabei können sie auf erste Erfolge verweisen. Inzwischen haben etwa 600.000 Zuwanderer einen Integrationskurs angefangen. Zwei Drittel der Teilnehmer verlassen die Kurse mit einem hohen Sprachniveau. Auch steigt der Migranten-Anteil an den Gymnasien. In den Bundesländern bemühen sich Politiker in Zusammenarbeit mit islamischen Organisationen darum, den Islamunterricht an die Schulen zu holen.

Allerdings beäugen einige muslimische Vertreter diese Strategie mit Argwohn, da sie befürchten, dass mit den Bildungschancen und dem letztlich daraus resultierenden gesellschaftlichen Aufstieg auch die Gefahr einer Säkularisierung der Muslime verbunden sein könnte.

Diesem Konflikt müssen sich die Vertreter der islamischen Verbände in Deutschland und auf der ganzen Welt stellen. Denn Bildung ist nicht nur ein wichtiger Garant für die Teilhabe in einer Wissensgesellschaft, Bildung ist auch der Schlüssel zu einer aufgeklärten Geisteshaltung, die notwendig ist, um die berechtigten religiösen Bedürfnisse der Menschen von den Erfordernissen der freiheitlich-demokratischen Selbstorganisation der Gesellschaft zu trennen.

Mit dem aus Ägypten stammenden und in den USA forschenden Chemie-Nobelpreisträger Ahmed Zewail greift ein prominenter Muslim in diesen Konflikt ein. Zewail wirbt in seinem Heimatland für einen „Dschihad für Wissenschaft und die Freiheit des Geistes“. Er will ihn sogar in die ägyptische Verfassung schreiben lassen. Es ist eine Initiative die ausstrahlen könnte auf andere islamische Länder und auch auf die muslimischen Gemeinden Europas. Das Internet ebnet heute Wege, die auch autoritäre Machthaber nur schwer versperren können.

Zewail und andere Intellektuelle wollen den Islam in seine religiösen Schranken weisen, um die Vernunft von den Fesseln des Glaubens zu befreien. Sie treten an gegen die Phalanx der Fundamentalisten und Radikalen, die ihr Heil im Terror gegen die Freiheit und ein Leben wie zur Zeit Mohammeds suchen, in dem nach den Gesetzen der Scharia gerichtet wird. Sie treten aber auch an gegen Politiker wie Geert Wilders, Umberto Rossi und Jean-Marie Le Pen, die dem Islam mit anderen Mitteln die Ankunft in der Moderne verweigern.

Obwohl diese Populisten Zulauf haben und Salafisten mit allen Kräften versuchen, den Muslime gegen die Demokratie in Stellung zu bringen, ist die Chance, den Islam mit der Demokratie zu versöhnen nirgendwo so groß wie in Europa. Denn an keinem anderen Ort der Welt leben heute so viele Muslime in gefestigten Demokratien. Nirgendwo räumt ihnen eine staatliche Macht so viele religiöse Freiheiten ein. Nirgendwo stehen ihnen so viele Bildungschancen offen. Daher spricht vieles dafür, dass sich hier die Zukunft des Islams entscheiden wird.

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